Menü NO!art NEWS + KÜNSTLER + MANIPULATION + MAIL NO!art GALERIE
Vincenzo Mastrangelo NO!art homepage <<< REGISTER >>>
Publikationen suchen und finden im NO!art-Archiv

PARADE, PARADE 1994 – 2001

LOVE PARADE + CHRISTOPHER STREET DAY
KARNEVAL DER KULTUREN + KARNEVAL EROTIKA

Paperback | 164 Seiten | 17x20 cm | Farbabbildungen | N.E.W., Berlin 2002

Parade - BuchcoverDIE ETHIK DES AUGENBLICKS | Vorwort von Dirk Borutta

Ihren Platz in der Geschichte der Jugendbewegung haben sich Berliner Love-Parade, Christopher-Street-Day, Karneval der Kulturen und Karneval Erotika längst erobert.

1989 zogen gerade 200 Leute zu lauter Housemusic durch die Berliner Innenstadt. Ein Jahr später waren es bereits 2000, um dann bis zum Jahr 1997 linear auf 2 Millionen Teilnehmer anzuwachsen. Die größte Straßenparty der Welt. Es mag paradox anmuten, massenhafte Ausbrüche sinnloser Verausgabung als regenerierende Kraft und als Innovationsimpuls für das Alltagsleben einer Gemeinschaft zu deuten. Manche halten es für die Wiederkehr infantiler Verwirrungen, die im Laufe des forstschreitenden Zivilisationsprozesses zurückgedrängt wurden. Andere Denk-Dinosaurier werten das Glück der Teilnahme an einem außerordentlichen Kollektivereignis wie der Love-Parade als sinnentleerte Hordenbildung, wobei im träumenden Kollektiv das Individuelle zu einem indifferenten Element des Ganzen verkommt.

Die Ethik verweist auf eine starke archaische Wurzel. Die Love-Parade und der CSD sind vordergründig mächtige Monumente sinnloser Sinnlichkeit. Sie repräsentieren eine komplexe und eigenwillige Metapher dafür, wie es in den Neunziger läuft und verweisen auf eine Tendenz, wie sich zukünftige Diskurse gestalten könnten. Eigentlich geht es um nichts und das ist das eigentliche Politische. Das Menschen zusammenkommen und feiern macht die großen Utopien vom erfüllten und friedlichen Miteinander zumindest für ein Wochenende greifbar und realistisch. Partykultur ist Gegenkultur zum stumpfen, normalen und für Schwule auch repressiven Alltag. Hunderttausende verlassen die dunklen Keller Bunker und Clubs, in die sie am Wochenende fliehen und demonstrieren in der Hauptstadt, wie viele sie sind. Diese Größenordnung und Verbreitung unproduktiver Verausgabung stieß natürlich hart auf den Felsen der Kritik und Ablehnung. Berliner Ordnungshüter, Denkmalschützer, Kaufleute und andere Transusen mittleren Alters zeterten wie immer erfolglos. Was für sie eine Kloake aus Lärm, Müll und Urin ist, ist für den einen oder anderen Feuilletonisten der direkte Weg auf den Müllplatz der Zivilisation, da sich dieses Geschehen nur schwer in klassischen Politikauffassungen kategorisieren lässt. Dieser ewig schwarzsehenden Sichtweise der Elitekultur widersetzt sich die Housekultur mit der Stärke und Intensität der Grooves. Freedom, Unity, Equality, Respect, Fun and Love sind die grundsätzliche Basis aller weltverbessernden Bewegungen. Im Unterschied zu politischen Ideologien funktioniert dies seit den Siebzigern, von den Anfängen der schwulen Diskokultur bis zu den heutigen Ravern.

Gemeinsam ist der Love-Parade, dem CDS, dem Karneval der Kulturen und dem Karneval Erotika, dass sie angereisten Ravern, Ethnos und Schwulen aus aller Welt deutlich macht, dass sie zusammengehören und wie einfach und selbstverständlich es sein kann, wenn alle ihr Schwulsein outen und auf die auf gleiche Musik abfahren. Identität stiftet nicht nur das schwul sein oder die Musik, die Berlin aus riesigen Boxentürmen beschallt, sondern auch das Gefühl der Macht und Stärke, wenn man die Grenzen des alltäglichen Daseins und Ichs überschreitet und gemeinsam quasimilitärisch die Straßen der Hauptstadt besetzt. Demonstrationen gelten weitgehend als Artikulation von Widerspruch gegen politische Maßnahmen oder einen Gegner. Erinnert man sich beim CSD noch entfernt an die Proteste gegen Repressionen staatlicher Organe gegenüber Schwulen, ist die Love-Parade völlig unpolitisch, weder irgend etwas einfordernde noch kritisch. Fragt man die Demonstrierenden nach dem Motiv ihrer Handlung, antworten die meisten mit einem Lachen und ziehen weiter. Beide Veranstaltungen sind weitgehend sprachlose Demonstrationen, man demonstriert sich selbstverliebt selbst. Wie man lacht, tanzt, trinkt, sich in der Sonne räkelt und liebt.

Begibt man sich durch die Galerie Vincenzo Mastrangelos 1994/2001 entstandener Bilder, so kann man schwer leugnen, dass eine Vielzahl von Selbstdarstellungen, die gewöhnlich als unmoralisch gelten, etwas sehr Nobles an sich haben. Weder Love-Parade, CSD, Karneval der Kulturen noch Karneval Erotika verweisen auf etwas in der Zukunft liegendes. Diese Ereignisse führen nur vor, sie zeigen ein richtungsloses Unbestimmtes. Man sieht Menschen, die inmitten Anderer etwas Schönes zu erleben scheinen. Menschen, außerhalb der akzeptierten, normalen Formen des Genießens, die sich für einen Tag in allem (Verhalten, Kleidung, Körperausdruck) scheinbar sinnlos verausgaben. Menschen lösen sich aus ihrem Individualismus, ihrer Differenz und Abweichung, um glückselig für einen Moment an einem pulsierenden Ganzen teilzunehmen. In einer Zeit, in der Schöngeister aus dem Moralisieren einen Beruf machen, weil politische Leitvorstellungen ihre Kraft Tyranneien errichtet wurden. Nicht die Verführungskraft einer Identitätsvorlage und Utopie, sondern das intensive Erleben des Hier und Jetzt beim CSO und der Love-Parade erhellen die Welt und Beseelen das Alltagsleben.

You gotta have it, now. Die Arbeiten VincVincenzo Mastrangelos zeigen Bilder von Menschen, die nur in diesem Augenblick leben. Sie sind nah an diesem antielitären Gefühl dran, das durch dauernde Bewegung, Hektik, einem Beat, der die Vielen versetzt synchron bewegt, alles zu einem organischen Ganzen vermischt. Vor dem Kameraauge ist jeder gleich, jeder ist ein Star, dem sich das Objektiv unbefangen, voyeuristisch und völlig gefühllos nähert. Bei den Bildern handelt es sich um flüchtige Erinnerungen und Eindrücke an außergewöhnliche Sommerveranstaltungen, die zeigen, wie die heutige Generation ist.

© http://enzo.no-art.info/buecher/2001_parade.html